Pädagogische Konzepte menschlich umgesetzt

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„Personorientierte Begabungsförderung“ heißt der Titel eines Buches, an dem auch der wissenschaftliche Mentor der DaVinci Akademie Wels, Dr. Günter Schmid, mitgeschrieben hat. Es will aktuelle Erkenntnisse aus pädagogischer Forschung für den Schulkontext greifbar machen.

Ich habe das Buch noch nicht gelesen, kann also dazu nicht Stellung nehmen. Doch habe ich Herrn Dr. Schmid am Elternabend in der DaVinci Akademie gehört, und seine Gedanken sind weiterer Brennstoff unter mein inneres Feuer für die Art und Weise, wie Kinder in ihrer Entwicklung von Erwachsenen bestmöglich begleitet werden können.

Es gab schon Momente, in denen ich dachte, der Platz, an dem die Prinzipien dieser personorientierten Pädagogik angewandt werden, muss erst geschaffen werden, zumindest in Österreich. Oder er ist nur im kleinen Kreis einer selbst sehr kreativen, geistig offenen und extrem flexiblen Familie mit großem Selbstvertrauen und dem feinen Gespür für die wahren Bedürfnisse von großen und kleinen Kindern lebbar. Doch die DaVinci Akademie versprach mit ihrem Programm und dem dafür geschaffenen Raum tatsächlich genau dieser Platz zu sein.

Kürzlich hatte ich dann das große Glück André Stern (er ist in einer wie dieser oben beschriebenen Art Familie aufgewachsen) in Wels sprechen zu hören und zu erleben. Wie er da von seinem kleinen Sohn Antonin in lebhaften Farben und Bildern berichtete, konnte ich auch die freudige Begeisterung meines eigenen Sohnes verfolgen, den die Authentizität und Begeisterung von André in seinen Bann zog. Obwohl schon wirklich erschöpft von seinen eigenen Herausforderungen des Tages, wollte er keine Minute vor Ende der Veranstaltung den Saal verlassen.

Was hat ihn so gefesselt?

Sicher hat ihn das, was Herr Stern voll Energie und Feuer in klare, plastische Worte gefasst hat, auf einer sehr besonderen Wellenlänge getroffen, – anders wohl, als viele Erwachsene, die ebenso an seinen Lippen hingen. Ich glaube, dass er sich so sehr verstanden gefühlt hat und in seinen Bedürfnissen wiedergespiegelt, weil auch er in einer ähnlichen vertrauensvollen Atmosphäre die elf Jahre seines bisherigen Lebens verbracht hat. Auch ihm wurde im Großen und Ganzen alle Begabung und Kraft zugetraut, die ein Mensch braucht um im Leben seinen Weg zu gehen – so wie man es jedem, von André Stern in humorvoll nachvollziehbarer Weise zitierten,  Mangokern zugestehen wird. – Personzentrierte Begleitung oder Pädagogik eben.

Mein Sohn hat daraufhin die Realität in seiner neuen Lernumgebung DaVinci Akademie nochmals mit anderen Augen zu sehen und scheinbar vieles zu vermissen begonnen. Das hat mich traurig und nachdenklich gemacht.

Bei mir stießen die Worte Sterns auf glückliche Resonanz zu all dem, was ich bisher schon über diesen fundamentalen Lebensbereich des Lernens erfahren, gelesen,  mir bewusst gemacht habe.

Ich selbst habe – so fühle ich –  in sehr begrenztem Ausmaß nur das Vertrauen in meine selbsterhaltenden und selbstentwickelnden Fähigkeiten erlebt. Der Fokus meines Elternhauses war sehr eng eingegrenzt, es zählte nur das, was sich darin wieder gefunden hat. Der Horizont meiner Eltern war die Grenze. Viele Begabungen, Stärken und Interessen wurden dadurch ausgeklammert, zu einem jämmerlichen Notleiderdasein verdammt. Gleichzeitig war alles auf eine Karte gesetzt worden, – die schulische Leistung. Mittlerweile erkenne ich darin die Summe aller Fähigkeiten mit oft lebensfernen und künstlichen Strukturen klarzukommen, die einen auf den Eintritt ins anerkannte System vorbereiten sollen, egal ob das nun gut ist, sinnvoll erscheint, glücklich macht oder gerade „den Bach hinuner geht“.

Mein eigener Weg war ähnlich dem eines Fisches, der aus dem Wasser genommen und für theoretische Belehrungen zusammen mit anderen ArtgenossInnen ins Trockentraining gesteckt wurde. Zu schwimmen wurde mir zudem als etwas Niederes, Frivoles oder sogar Peinliches, immerhin aber sehr Unnötiges kommuniziert, – denn ich erlebte auch die erwachsenen Fische meiner Umgebung nur äußerst selten dabei.

Was ich mit dieser überspitzten Beschreibung zum Ausdruck bringen will, ist die Gewissheit, dass wir Erwachsene es sind, die Kinder beim Leben er-leben MÜSSEN um selber leben lernen zu können. Wir Erwachsene sind die Referenz! Bedeutet Leben für uns Erwachsene Pflichterfüllung, Zwänge, Belastung und Selbstverleugnung, dann bedeutet es dies auch für die Kinder. Bedeutet es Ersatzbefriedigung und Ablenkung durch Konsum und virtuelle Realitäten, dann bedeutet es dies auch für die Kinder. Bedeutet es ein Streben nach Selbstausdruck, Freude und liebevollem Miteinander, so bedeutet es genau dies auch für die Kinder.

Wollen wir uns als Menschheit mehr und mehr vom wirklichen Leben, vom Fühlen unserer Gefühle, vom Bewegen unseres Körpers, vom Wahrnehmen der Fülle an Sinneseindrücken, derer wir fähig sind, distanzieren und in eine künstlich optimierte Scheinwelt begeben, so brauchen wir nur weiter unseren Nachwuchs von seinen ureigenen Lebensadern abschneiden, ihn am spontanen Tun und Eintauchen hindern. Wir brauchen ihm bloß weiterhin künstliche Welten als bessere Realität anbieten, uns selbst von allem Lebendigen abschotten und Gefühle als peinlich, Bewegung als unnötig und die großartige Vielfalt der sinnlich erfahrbaren natürlichen Umwelt als überflüssige, wenn nicht gar gefährliche Belastung präsentieren, die man gerade einmal theoretisch kennen gelernt haben sollte.

So unglaubliche, geniale Dinge hat der Mensch zustande gebracht. Und doch lebt eine unglaublich große Zahl an Menschen in Angst und Schrecken vor allem, was in diesem menschlichen Umfeld außer Kontrolle geraten ist. Wenn ich aber sehe, wie wenig Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Respekt der Mensch dem Leben, seinem Leben und dem seiner Kinder schenkt, dann ist das für mich Erklärung genug für diese Diskrepanz.

Einer Pflanze die Wurzeln abzuschneiden nimmt ihr genauso die Fähigkeit zu überleben, wie ihr das Wasser oder das Sonnenlicht zu verwehren. Dem jungen Menschen schneidet man aber ohne Bedenken systematisch alle seine kostbaren Wurzeln ab. (Damit meine ich die Verwurzelung in seinem Körper, die er durch freie Bewegung, durch die Erfahrungen seiner Sinne und die Erprobung seiner spontanen Impulse erleben kann.)

Dass ein Fisch auf dem Trockenen nicht lange durchhält, ist uns allen völlig klar. Doch Kinder reißt man aus ihrem ureigenen Element, dem Spielen, und verbannt sie in ein trockenes Wüstenfeld aus Belehrungen und Zurechtschusterungen aus Angst, sie könnten sonst den Anschluss verpassen, sich nicht in die Gesellschaft fügen, nicht reich und glücklich werden.

In einer Schule, die die individuelle Entfaltung jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen zu ermöglichen sich als Ziel gesetzt hat, sollte mein Sohn glücklich seinen inneren Impulsen zu wachsen und zu reifen nachgehen können. Doch wir dürfen nie die Kraft und Wirkung unserer eigenen Ängste und Überzeugungen auf unsere Töchter und Söhne unterschätzen, die uns – sofern wir dazu bereit sind es zu erkennen – unsere ganze Palette an unaufgelösten Themen punktgenau spiegeln. Wo wir Erwachsene in Angst vor dem Leben, vor unseren Trieben und der vernichtenden Bewertung „der anderen“ leben, stülpen wir ihnen unweigerlich alles über, was damit zusammen hängt. Wir nehmen ihnen mit unserer Angst den Lebensatem, nämlich das Vertrauen in ihre ureigenen Fähigkeiten mit dem, was sie mitbringen, ihr Leben zu meistern.

Der gequälte Aufschrei wohl vieler, die bis hierher gelesen haben, veranlasst mich zu einem abschließenden versöhnlichen Schwenk zu dem wohl wichtigsten Gedanken: schenken wir selber uns dieses Vertrauen, fassen wir selber den Mut uns so zu nehmen wie wir sind und beobachten wir liebevoll und staunend all das Wunderbare, das wir hervorzubringen imstande waren und sind! Seien wir menschliche, lebendige und vor allem freudige BegleiterInnen unserer Kinder.

Es grüßt euch,

 

Gabi

 

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