Reisetagebuch Eintrag 10

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Wir sind das Ergebnis unserer Kindheit ?

Wie eng mir immer wird, wenn ich das Haus meiner Eltern betrete und mit den alten Mustern konfrontiert bin, die mir als Kind Alltag gewesen sind! Jetzt sind sie es nicht mehr, jetzt habe ich mich weiter entwickelt. Die Muster treffen trotzdem tief.

Da ich überzeugt bin davon, dass wir uns unsere Eltern und überhaupt die Herausforderungen unseres Lebens vor der Geburt selber aussuchen, hadere ich nicht mit dem Schicksal, wenn ich an die schwierigen Bedingungen denke, die ich in meiner Kindheit vorgefunden habe. Nicht mehr. Inzwischen erkenne ich nach und nach die Lernaufforderungen, die sie beinhaltet haben.

Manchmal aber denke ich mir: hört das nie auf? Wenn ich wieder die gleichen Worte höre, den gleichen Unterton, die gleichen verbalen Ohrfeigen. Wenn ich wieder von dem Menschen, den ich aus tiefem Herzen liebe, meine Handlungsfähigkeit abgesprochen bekomme. Wieso höre ich das immer wieder, leide immer wieder?

Es braucht ein oder zwei Tage um nach einem solchen Besuch wieder im Lot zu sein. Ich bin von liebevollen, verständnisvollen Menschen umgeben. Und ich weiß, dass der Mensch, der mich so herausfordert, sicher auch sein Bestes tut.

***

Wir sind das Ergebnis unserer Kindheit, und unseres Erwachsen-Werdens. Irgendwann lösen wir uns los von der Welt unserer Eltern, – wir können, wenn wir wollen. Manche rebellieren, manche gehen einfach. Ich habe auf meine Art rebelliert und bin einfach gegangen.

Was ich schon als Kind wusste, was bloß keine Resonanz gefunden hat, – ich begann es „draußen in der Welt“ zu suchen. Ich wusste, weil ich es tief in mir spürte, dass es da Liebe und Zärtlichkeit gibt, dass es da Menschen gibt, die feinfühlig, musisch, kreativ sind, Menschen, die wertschätzend sind!

Wäre ich auf dem Stand meiner Kindheit geblieben, hätte ich mich stur in mein Studium gestürzt, es durchgezogen, wäre weltfremd geblieben und einsam. Ich hätte vielleicht viel Geld verdient, wäre aber unglücklich, krank, depressiv geworden. Vielleicht hätte ich mir die Anerkennung gewisser Menschen erworben. Jedenfalls hätte ich mich selbst aufgegeben.

Ich weiß nicht, was mich dazu antrieb, – ich staune selber in manchen Momenten darüber, – aber ich habe mich gelöst, aus der Einsamkeit, der Starrheit, dem Bewusstsein, still, vernünftig und unterwürfig sein zu müssen. Andere haben vielleicht mehr in ihrem Leben ausprobiert, mehr riskiert, mehr erreicht in kürzerer Zeit. Ich bin froh und stolz, dass ich hier stehe, wo ich stehe. Denn mein ganzes Denken hat sich verändert, meine ganze Wahrnehmung von der Welt!

Es tut mir weh zu wissen, dass ich diesen Weg habe alleine gehen müssen. Die Aufgabe meiner Eltern war die Vorbereitung. Sie haben mich vieles gelehrt, was ich auf dem Weg gebraucht habe. Und einiges, was ich auf diesem Weg habe loslassen müssen. Sie trotzdem zu lieben, auch wenn sie mich nicht verstehen, ist meine aktuelle Herausforderung. Und mich selbst genug zu lieben um mich vor angstvollen, unbeholfenen, aber deswegen trotzdem brutalen Angriffen zu schützen, das übe ich. Das hält mich auf Trab.

***

An manchen Tagen beschäftigt mich noch immer die völlig absurde Frage: darf ich die sein, die ich bin? Und damit eine ganze Schar weiterer Fragen: darf ich mein Potenzial ausleben, meinen Freuden folgen, meine Bedürfnisse ernst nehmen?

Ich weiß, dass ich es darf. Ich weiß inzwischen, dass ich es muss um gesund zu bleiben! Es ist immer noch ein Lernprozess. Besonders, wenn ich gerade mal wieder die alte Luft geschnuppert, die alten Worte gehört, die alte Verdammnis gespürt habe. Und sie auf mich bezogen habe. – Selber schuld. Ich kann ja alles dort lassen, wo es her kommt. Und Mitgefühl haben.

Ich weiß, sie tun ihr Bestes. Sie haben es immer getan. Ich liebe sie, weil ich gelernt habe mich selbst zu lieben. Und mit mir selbst Mitgefühl zu haben.

Das Leben bringt uns schon immer wieder in unangenehme Situationen. Davor wegzurennen bringt nichts. Aus ihnen heraus zu gehen, nachdem wir sie liebevoll angenommen haben, gleichsam herauszuwachsen, darum geht es. Das ist mein Ansatz.

Einen frohen Sommertag voll Mitgefühl wünsch ich dir!

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