Warum wir jedem ein Grundeinkommen geben sollten | Rutger Bregman | TEDxMaastricht

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Transkription und Übersetzung von Gabi Gleiss

 

Meine Damen und Herren, heute möchte ich Ihnen eine große Idee vorstellen. Tatsächlich glaube ich, dass es eine der größten Ideen des 21. Jahrhunderts sein könnte. Es ist eine Idee, die Politiker aller Lager vereinen könnte, indem sie unser kaputtes Sozialsystem in Ordnung bringt. Es ist eine Idee, die Millionen von Menschen Würde verleihen und das erreichen würde, was wir besonders in unseren reichen und wohlhabenden Ländern längst erreicht haben sollten: die Ausrottung von Armut.

Aber ich will ehrlich zu Ihnen sein: in Wahrheit ist es nicht meine Idee, sondern die Idee dieses Mannes. Thomas Paine, der es leider heute nicht geschafft hat hier zu sein, weil – tja – er ist vor 200 Jahren gestorben. Aber es war auch die Idee einiger der größten Denker der Geschichte.

Nun kann ich Sie denken hören: Welche Art von Idee könnte Menschen zusammen bringen, die so unterschiedlich sind wie der Bürgerrechtler Martin Luther King und der Ökonom und Verfechter des freien Marktes Milton Freedman? Welche Art von Idee könnte Menschen zusammen bringen, so unterschiedlich wie Thomas Paine, der dachte die Regierung sei die Lösung der meisten Probleme und Friedrich von Haiek, Österreichischer Ökonom, der sagte, die Regierung sei meistens das wahre Problem? Was ist das für eine Idee, die gegen den Zeitgeist durch alle politischen Lager reicht? Was ist das für eine große, utopische Idee, dass so viele bedeutende Denker der Geschichte von ihr über Jahrhunderte hinweg geträumt haben, die jedoch bis jetzt noch nicht umgesetzt worden ist?

Nun, manche nennen es Bürgergeld, andere nennen es Grundeinkommen. Ich für meinen Teil möchte es so nennen: Freigeld für jeden. Das klingt gut, oder? Ich weiß, es klingt auch wie eine utopische Fantasie, wie etwas, das nie Wirklichkeit werden wird, etwas, das wir zumindest nicht erleben werden. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass Utopien einen Hang haben Wirklichkeit zu werden. Denken Sie nur an das Ende der Sklaverei, gleiche Rechte für Männer und Frauen, und Demokratie, – sie alle wurden einst als unrealistische Ideen angesehen. Aber ein wesentliches Phänomen der Geschichte ist etwas, das man Fortschritt nennt.

Lassen Sie uns also mit einer einfachen Grundfrage beginnen: Was ist das Grundeinkommen? Nun, es ist eine monatliche Basis, genug um die Grundbedürfnisse Nahrung, Unterkunft und Bildung zu befriedigen. Manche von Ihnen werden jetzt fragen: „Haben wir das nicht bereits? Gibt es nicht etwas wie ein soziales Netz, haben wir nicht den Wohlfahrtsstaat?“ – Tja, richtig, aber das Grundeinkommen ist etwas gänzlich anderes.

  • An erster Stelle ist es universell, sodass jede und jeder es erhalten würde, ob Millionär oder Bettler, Mann oder Frau, berufstätig oder arbeitslos. Das Grundeinkommen ist ein Recht, ein Recht als Bürger eines Landes.
  • Weiters ist es bedingungslos, also an keinerlei Voraussetzungen geknüpft. Niemand wird Ihnen sagen, was Sie damit tun sollen, oder was Sie tun sollen um es zu bekommen. Das Grundeinkommen ist keine Gefälligkeit, es ist ein Recht wie beispielsweise die Redefreiheit.
  • Aber was das wichtigste ist, in den vergangenen Jahrzehnten, den letzten dreißig oder vierzig Jahren, ist es mehr geworden als eine bloße Idee. Das Grundeinkommen ist mehr als nur eine Idee heutzutage. Es ist eine bewährte Idee!

Wie Sie auf dieser Karte sehen können, hat es Experimente auf der ganzen Welt gegeben, besonders im Süden, von Mexiko bis Brasilien, von Südafrika bis Indien. Forscher und Regierungen haben damit experimentiert Leuten bedingungslos Geld zu geben. Diese Karte zeigt alle Bargeldtransferprogramme, – wie sie genannt wurden, – die zumindest 5000 Einzelpersonen erreichten. Außerdem gab es in den siebziger und achtziger Jahren groß angelegte Experimente in Kanada und den USA. Sie sind heute beinahe in Vergessenheit geraten, aber sie waren ein großer Erfolg.

Durch den Vergleich zwischen einer Testgruppe von armen Menschen, die ein Grundeinkommen erhielten und einer gleichwertigen Kontrollgruppe konnten die Forscher immer und immer wieder folgendes zeigen: Ein bedingungsloses Grundeinkommen führt zu

  • geringerer Ungleichheit
  • geringerer Armut, klar, aber auch
  • geringerer Kindersterblichkeit
  • geringeren Gesundheitskosten
  • geringerer Kriminalität
  • besseren Schulabschlussquoten
  • weniger Schulverweigerern
  • mehr Wirtschaftswachstum
  • besseren Emanzipationsraten
  • und vielen anderen positiven sozialen Ergebnissen.

Immer und immer wieder haben Forscher gezeigt, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen vermutlich die wirkungsvollste, die billigste und die zivilisierteste Art und Weise ist Armut zu bekämpfen.

~

Nun kann ich nicht alle Experimente, die gemacht wurden, hier zusammenfassen. Ich möchte Ihnen bloß ein Experiment verstellen, das vor einigen Jahren in der Stadt London gemacht worden ist.

In diesem Experiment ging es um Obdachlose, genauer gesagt um dreizehn obdachlose Männer, die auf Londons Straßen lebten, und zwar schon lange, manche von ihnen über vierzig Jahre. Und ich muss erwähnen, dass ihre Anwesenheit alles andere als billig war. Denken Sie an die Kosten für Krankenversorgung, Rechtskosten, Polizei. Diese Männer kosteten dem Britischen Steuerzahler jährlich hunderttausende Pfund. Bis dahin war alles schon versucht worden, also war es Zeit etwas Neues auszuprobieren.

Im Frühling 2009 entschied eine örtliche Wohltätigkeitsorganisation: Warum versuchen wir es nicht einmal damit ihnen einfach Geld zu geben? Also bekam jeder dieser Heimatlosen 3000 Pfund Bargeld, ohne Wenns und Abers. Es war ihnen völlig frei überlassen, was sie mit diesem Geld tun wollten. Die einzige Frage, die jeder für sich beantworten musste, war: Was glaubst du, ist gut für dich? Beratungsdienste standen auf Basis völliger Freiwilligkeit zur Verfügung. Natürlich hatten die meisten der Helfer keine großen Erwartungen. Sie dachten, die Männer würden vermutlich ihr Geld für Alkohol, Drogen, Glücksspiel oder ähnliches ausgeben. Aber dann geschah etwas Erstaunliches.

  • Zum ersten stellte sich heraus, dass die Männer extrem sparsam mit dem erhaltenen Geld umgingen. Am Ende des ersten Jahres waren durchschnittlich nur 800 Pfund verbraucht worden.
  • Und wofür war es verbraucht worden? Nun, ein Telefon, ein Pass, oder ein Wörterbuch. Jeder dieser Männer hatte seine eigene Idee, was das Beste für ihn wäre.
  • Darüber hinaus trat schon ein Jahr nach Beginn des Experiments das Unmögliche ein: sieben von dreizehn Männern hatten ein Dach über dem Kopf! Zwei weitere hatten sich für einen Wohnplatz angemeldet.
  • Manche der Männer lernten Gärtnern, andere nahmen beispielsweise an Kochkursen teil.
  • Sie besuchten ihre Kinder wieder, und alle machten sie Pläne für die Zukunft. Es schien als hätte das Geld sie ermächtigt.

Ich weiß nicht, ob ein Politiker im Saal ist. Ein Politiker würde an dieser Stelle vermutlich die Frage stellen: Tja, das ist eine sehr interessante Geschichte, aber was hat das gekostet? Was hat dieses Experiment gekostet?

Die Antwort ist: 50 000 Pfund inklusive der Gehälter für die Helfer. Nicht nur bekamen zumindest sieben Personen eine neue Chance für ihr Leben, das Projekt hat außerdem Geld gespart im Ausmaß von mindestens dem Siebenfachen. Und das ist eine sehr konservative Schätzung.

Sogar das liberale Magazin „The Economist“ ist zu dem Schluss gekommen:

„Die effizienteste Art Geld für Obdachlose auszugeben könnte tatsächlich sein es ihnen einfach zu geben.“

Experimente wie dieses wurden überall auf der Welt durchgeführt. Sie zeigen uns, dass wir überdenken müssen, was Armut wirklich ist:

Armut ist nicht Mangel an Charakter! Armut ist Mangel an Geld!
Nicht mehr und nicht weniger.

Es zeigt sich also, dass es eine großartige Idee ist den Armen einfach Geld zu geben, wenn man dieses Problem beheben möchte.

~

Meine Damen und Herren, wir leben in einer Zeit, in der unsere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme sich schneller verändern als je zuvor. Wir leben in einem Zeitalter der Automation, Roboter übernehmen unsere Arbeitsplätze. Vermutlich wird das zu großem Wohlstand führen, es bedeutet aber auch, dass wir uns anpassen müssen. Wenn wir uns nicht anpassen, wenn wir weiterhin die Lösungen des 20. Jahrhunderts für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anwenden, dann wird die Mittelschicht zugrunde gehen und Ungerechtigkeit wird weiter zunehmen. Und das ist wahrlich eine Schreckensvision.

Heutzutage sind die Regierungen davon besessen Menschen auf Arbeitsplätze zu zwingen, sogar wenn sie schon gute Arbeit machen. Wie der große Erfinder Richard Buckminster Fuller einst sagte: „Also haben wir Inspektoren von Inspektoren, und Leute entwickeln Gerätschaften für Inspektoren um Inspektoren zu inspizieren.“ – Die wahre Aufgabe der Menschen sollte es sein zurück zu gehen (zur Schule?) und sich zu fragen, was sie getan haben, bevor man ihnen gesagt hat, dass sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.

Ich glaube, das Grundeinkommen ist die bessere Alternative zum aktuellen Wohlfahrtschaos. Aber ich muss gleichzeitig zugeben, dass es in der Geschichte immer wieder drei Argumente dagegen gegeben hat.

~

Drei erhebliche Einwände.

Nun, der erste Einwand klingt etwa so: Ah, das ist eine interessante Idee, aber ich habe das durchgerechnet. Es ist zu teuer. Tut mir leid, wir können uns das nicht leisten. Es wird nicht funktionieren.

Das mag ja zu Zeiten von Thomas Paine vor 200 Jahren gestimmt haben, als überall fast alle krank, arm, hungrig und hässlich waren. Aber in der heutigen Zeit stimmt das nicht mehr. Als Gesellschaft sind wir reicher als je zuvor. Ich möchte das Grundeinkommen als Gewinnanteil des Fortschritts sehen: Weil unsere Vorfahren so hart gearbeitet haben um unseren gegenwärtigen Wohlstand zu erreichen, können wir es uns jetzt leisten jedem einen Teil dieses Erfolges zukommen zu lassen. Erinnern Sie sich, die Ausrottung von Armut ist tatsächlich eine Investition!

Es gibt einen Ökonomen, dessen Berechnungen zufolge es 175 Millionen Dollar pro Jahr kosten würde, in den Vereinigten Staaten die Armut auszurotten. Das ist wohl eine Menge Geld, nicht wahr? 175 Millionen Dollar jedes Jahr. Aber das ist nur ein Viertel des Militärhaushalts dieses Landes! Also ist es völlig realistisch! Es ist völlig machbar! Und nach zehn oder vielleicht zwanzig Jahren wird es sich erweisen, dass diese Investition sich amortisiert hat, weil die Regierung Millionen an Krankenversorgungskosten einspart, die Kriminalität gesunken ist, und eine Menge produktiver Bürger die Möglichkeit hat ihre Träume zu verwirklichen.

Lassen Sie uns zum zweiten Einwand weitergehen. Vielleicht ist der besser. Der zweite Einwand lautet wie folgt: Ah, das ist eine interessante Idee. Wir könnten sie uns eventuell sogar leisten, aber wenn wir den Leuten einfach so Geld geben, werden sie zu arbeiten aufhören. Sie wissen ja, das ist die menschliche Natur, das kann man nichts machen. Die Menschen sind einfach faul.

Das interessante daran ist, dass jeder von Ihnen hier in diesem Raum, wenn ich ihn fragte: Würden Sie zu arbeiten aufhören, wenn ich Ihnen ca. 1000 € pro Monat gebe?“ sagen würde: „Natürlich nicht! Ich habe Träume, ich will etwas erreichen. Ich habe nicht vor auf der Couch zu versauern, verstehen Sie.“ Aber wenn ich Sie fragen würde: „Was glauben Sie würden die anderen Leute tun, wenn sie 1000 € pro Monat bekommen?“, dann würden 99 % von Ihnen sagen: „Ja die anderen, ich glaube, die werden wohl aufhören zu arbeiten. Das liegt in der menschlichen Natur, sie sind faul, wissen Sie.“
Nun, wenn es das ist, was Sie denken, dann habe ich Neuigkeiten für Sie. Die Experimente, die überall auf der Welt durchgeführt wurden, und auch der gesunde Menschenverstand, sagen uns, dass die meisten Menschen in der Gesellschaft etwas beitragen wollen. Die meisten Menschen wollen etwas aus ihrem Leben machen. Tatsächlich haben manche dieser Experimente gezeigt, dass arme Menschen, gerade arme Menschen wirklich mehr arbeiten, wenn sie eine abgesicherte finanzielle Basis haben, weil es ihnen die Gelegenheit gibt in ihr Leben oder beispielsweise in ihre Geschäftsidee zu investieren.

Der dritte Einwand, meine Damen und Herren, könnte der sein, der am schwierigsten zu überwinden ist. Manchmal höre ich Leute sagen: Nun ja, das ist eine großartige Idee, wir könnten es uns sogar leisten, ich würde nicht aufhören zu arbeiten und vielleicht würden das die anderen auch nicht. Aber diese Idee ist zu groß. Wissen Sie, die Politiker heutzutage sind so mit sich selbst beschäftigt und es wird nicht dazu kommen. Sie sind zu kurzsichtig. Es ist eine zu große Idee. Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird.

Wenn es das ist, was Sie denken, möchte ich Ihnen diesen Mann vorstellen. Sie kennen ihn, es ist Richard Nixon, jener korrupte konservative amerikanische Präsident, der in den Watergate Skandal verwickelt war. Ja, dies ist der Mann, der in den siebziger Jahren in den Vereinigten Staaten ein bescheidenes Grundeinkommen fast eingeführt hat. Es wäre fast so weit gekommen! Der Antrag ging durch das Abgeordnetenhaus und kam in den Senat, wo es abgewiesen wurde, weil einige der fortschrittlicheren Senatoren meinten: „Oh, das ist eine großartige Idee! Aber wir wollen ein höheres Grundeinkommen, also lehnen wir diesen Antrag ab.“ Nun, wir haben nie mehr davon gehört. Es ist eine beinahe in Vergessenheit geratene Episode in der Geschichte der USA. Aber es zeigt uns, dass es natürlich möglich ist!

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Erinnern Sie sich noch einmal: Utopien haben den Hang Wirklichkeit zu werden! Das Ende der Sklaverei, Gleichheit für Männer und Frauen, Demokratie, – sie alle wurden einst als utopische Ideen betrachtet. Aber in der Geschichte gibt es dieses Etwas, das Fortschritt genannt wird, wie langsam oder sprunghaft er auch sein mag. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Geduld. Alles, was wir brauchen, ist viel mehr Ehrgeiz für eine gemeinschaftliche Zielsetzung.

Nun, ich glaube nicht, dass ein kurzer TED-Vortrag genügt um Sie davon zu überzeugen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die größte Idee des 21. Jahrhunderts sein wird. Also ermutige ich Sie mehr darüber zu lesen, sich ein eigenes Bild von den gegebenen Fakten zu machen und die Frage zu stellen: ist es nicht Zeit von meiner bisherigen Weltsicht abzugehen? Es mag sein, dass das Grundeinkommen nicht in den nächsten drei oder vier Jahren eingeführt werden wird, aber vielleicht in den nächsten dreißig oder vierzig Jahren. Ideen können die Welt verändern und tun es auch. Tatsächlich ist die Geschichte von wenig anderem geleitet worden. Wie hat doch der berühmte irische Dichter Oscar Wilde einmal gesagt:

„Stärker als tausend Armeen ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Und ich glaube, in diesem Jahrhundert ist die Zeit gekommen für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

Vielen Dank.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=aIL_Y9g7Tg0

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