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Reisetagebuch Eintrag 8

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So, nun habe ich meine Struktur hier umgestellt. Nicht mehr die Tage zählen, sondern die Einträge. Ich komme ja sonst doch nur durcheinander.

Ich kann sagen, es ist ein ganz neues Gefühl! Mein Notebook ist nach vielen Tagen (und Nächten!!) des fachgerechten Aufsetzens, Konfigurierens – und was weiß ich noch alles – einsatzbereit! Ich schreibe drauf! Erst jetzt kann ich seine Tastatur kennen lernen und mich über die neuen Features freuen, die ich hier vorfinde. Und im Moment geht es mir sehr gut damit.

Nicht zuletzt durch die intensive Arbeit an diesem Gerät hier, waren die vergangenen Tage sehr dicht ausgefüllt. Es kam auch Besuch, ich habe Kuchen gebacken, Brot sowieso, gekocht, geputzt, gewaschen, – was halt so anfällt. Und dabei war Wochenende! Zumindest einen gemütlichen Abend mit einem romantischen Spielfilm habe ich mir gewünscht und auch genossen.

Ich hatte Sorge, dass auch der gestrige Sonntag anstrengend werden könnte. Hier in der Umgebung haben wir noch nicht unseren freudig-umkomplizierten Sommer-Sonne-Badeplatz gefunden, an den wir – am besten per Radl – schnell und gerne jederzeit fahren können. Am liebsten mag ich klares Flusswasser, schön tief und kühl erfrischend. Ein See hat auch seinen Reiz. Leider bietet die Traun hier keine lauschigen Badeplätze, – alles reguliert und aufgestaut.

Eine gute Alternative haben wir gestern entdeckt. Das Schwimmbad, eine Bahn-Viertelstunde von uns entfernt, hält wirklich feine Erholungsqualitäten bereit: schattige, saubere Wiesenplätze, wo trotz Hochbetrieb noch Ruhe und Entspannung zu finden sind, angenehmes Wasser und Becken für jeden Geschmack und Bedarf. Sogar ein Ruhe-Sprudel-Becken steht zur Verfügung, in dem man einfach mal zwischendurch gemütlich vor sich hin blubbern kann.

Wenn wir danach auch alle wie gerädert heimgekommen sind, – von der Hitze und den wassersportlichen Aktivitäten -, so hat mein sommer-hungriger, sonnen-verliebter und wasser-verspielter Wesensanteil diesen Nachmittag als sehr befriedigend empfunden.

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Ja, der Sommer!

Ist es nicht so, dass es im Sommer viel leichter ist mit sich selbst in Kontakt zu kommen?

  • Ich denke an den Urlaub. Ich habe endlich Zeit für mich selbst, kann darauf hören, wonach mir ist und mir so manchen Wunsch erfüllen: irgendwohin fahren, mal ein dickeres Buch lesen, die nähere Umgebung erkunden, Tiere beobachten, usw. usw.
  • Und ich denke an die glorreiche Wärme! Wie wenig Kleidung ich brauche! Ich fühle mich wohlig warm ohne Aufwand! Mein Körper ist mir irgendwie näher dadurch, ich fühle mich gut darin. Wenn ich weniger anhabe, dann spüre ich auch mehr direkt mit meiner Haut!

Ob es anderen auch so geht?

Wo ich hier schreibend zuhause arbeite, für meinen Sohn da bin und mich um Wohnung und Essen kümmere, habe ich eine ganz eigene Wahrnehmung dieser Urlaubszeit. Die meisten Menschen sind in Berufen tätig, wo es um andere geht. Sie kümmern sich um die Angelegenheiten (Aufträge, Gesundheit, Betreuung, Versorgung) anderer Menschen. Acht Stunden am Tag und mehr.

Als ich selber in einer Therapiewerkstätte angestellt war, habe ich diese Situation am eigenen Leib erlebt. Es hatte seinen Reiz sich für einige Zeit des Tages rein mit den Anliegen und Problemen anderer Menschen zu beschäftigen, – nicht mit den eigenen. Ich muss allerdings sagen, dass ich froh war über die Teilzeitanstellung. Denn ohne die tägliche Zeit für mich und meine Familie wäre ich mehr und mehr verschwunden, – als pädagogisches und menschliches Gegenüber für die KlientInnen genauso wie als konstruktive Mitarbeiterin im Abteilungs-Team.

Mir ist immer daran gelegen, als ich selbst präsent zu sein. Nicht als Rolle oder Funktion. Kann ich mich selber spüren, bin ich auch fähig mit anderen mitzufühlen. Bin ich mit mir selbst in Kontakt, kann ich auch mit anderen in Kontakt treten.

Derzeit habe ich keine Tätigkeit, in der ich mich hauptsächlich mit Themen anderer Menschen beschäftige. Ich merke schon, wie anstrengend das auch sein kann. Und wie ich nach Aufgaben suche, die Größeres bewirken als „bloß“ die Versorgung meiner unmittelbaren Umwelt, meiner Familie und meiner eigenen Anliegen.

Immer wieder wird mir aber klar, dass hier die Wurzel liegt, in dieser kleinen Keimzelle, in meiner eigenen Versorgung.

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Eine Fliege sitzt schon seit geraumer Zeit hier neben mir am Tisch, putzt sich hie und da, weicht aber nicht von der Stelle. Ich wundere mich darüber. Vielleicht gefällt ihr genau die Konzentration auf den Moment, die Ruhe, die friedliche Stimmung hier? Oder sie genießt die Strahlung des Notebooks, sonnt sich quasi darin?

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Rund um mich beobachte ich Menschen, die mit ihrer eigenen Versorgung nicht mehr viel zu tun haben. Sie kümmern sich nur mehr um andere, dienen „höheren“ Zwecken, – der Firma, dem Chef/der Chefin, dem Geld. Sie haben dienstbare Geister, die für sie putzen, waschen, lüften, die Pflanzen betreuen. Sie essen auswärts oder gar nicht. Wie hilflose Babys sind sie für die Versorgung ihrer Grundbedürfnisse auf andere Menschen angewiesen, obwohl sie deutlich älter sind als drei Jahre und jünger, als dass sie sich schon auf körperliche Gebrechen berufen könnten.

Zu einer guten Selbstversorgung gehört mehr als Nahrung, Kleidung, Sauberkeit. Doch welchen Wert hat es für viele Menschen, wenn sie Freundschaften pflegen, sich angenehme Bewegung verschaffen oder einfach mal nur für sich sein können?

Ich selbst habe als Jugendliche gelernt, dass es wichtig ist, seinen Beitrag zu leisten für das große Ganze. Und ich habe es so verstanden, als bedeute dies, dass ich mich deshalb zurück nehmen müsse, meine Bedürfnisse ignorieren und mich nur für andere und deren Dringlichkeiten einsetzen. – Und wo bleibe ich dann? Wer kümmert sich um meine Dringlichkeiten?

Diese Thematik hat mich schon damals zum Grübeln gebracht. Ich habe gelitten, weil es mir nicht gelungen ist beides unter einen Hut zu bringen: die Dringlichkeiten der anderen und meine eigenen Bedürfnisse. Damals habe ich gelernt meine Bedürfnisse auszublenden. Ich habe sie dann einfach nicht mehr wahrgenommen. Ich habe zum Beispiel nicht mehr erkannt, dass ich einfach Ruhe brauchte, oder Musik, oder ein gutes Gespräch. Dass ich lieber singen und Theater spielen wollte als mich mit chemischen oder physikalischen Formeln auseinander zu setzen und vernünftig zu bleiben. Meine gedrückte Stimmung, meine Gereiztheit, meine Motivationslosigkeit konnte sich keiner in meiner Umgebung erklären. Ich auch nicht.

Dafür, dass ich mich nur auf die Bedürfnisse der anderen einstellte und ihnen entsprach, hatte ich einzig meine innere Befriedigung, dass ich es richtig machte. Weil ich glaubte, das gehörte so.

Meinem inneren Plan habe ich es zu verdanken, dass ich aus dieser Sicht der Welt ausgestiegen bin. Noch immer schwanke ich manchmal, wenn es darum geht, welche Bedürfnisse Vorrang haben in einem bestimmten Moment. Doch habe ich inzwischen vieles verstanden, was mir schlüssige Erklärungen gebracht hat für Erlebnisse und Erfahrungen.

Wie beispielsweise die Tatsache, dass ich als Mutter zuerst schauen muss, dass es mir selbst gut geht um dann mein Kind bestmöglich versorgen zu können. Eine erschöpfte, unglückliche Mutter macht ihrem Kind höchstens Schuldgefühle. Die so wichtige Versorgung mit liebevoller Zuwendung kann sie wohl nur sehr begrenzt gewährleisten. Genauso ist das in einer Partnerschaft. Bin ich ausgebrannt und deprimiert, kommen keine Gefühle von Liebe und Zärtlichkeit auf, geschweige denn Lust.

Im Grunde geht es ganz allgemein darum, dass ich weiß, wer ich bin und was ich brauche, damit es mir gut geht. Und dann brauche ich die Fähigkeiten und Möglichkeiten mich darum kümmern zu können.

Was passiert aber, wenn der so wichtige Zugang zu den inneren Bedürfnisse schlichtweg verschüttet ist, diese Bedürfnisse unsichtbar und deshalb unerfüllbar bleiben?

Ich habe mich als Rädchen im Getriebe gefühlt. Also machte ich das Getriebe für mich verantwortlich! Wenn ich mich für etwas oder jemand anderen aufopfere, dann brauche ich einen Ausgleich! Am einfachsten Geld. Geld kauft mir alles, was mir hilft mich wertvoll, wirkungsvoll, erfüllt zu fühlen. Das dachte ich so. Das Getriebe, – die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Familie, – soll für mich sorgen.

Trotzig und stur pochen wir auf unser Recht auf Genuss, Spaß, technische Hilfsmittel. Ausgleich, Ablenkung, Trost. Vielleicht noch ein Titel, eine Auszeichnung, eine offizielle Belobigung?

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Die Fliege sitzt immer noch hier. Ich glaube sie schläft. Oder meditiert sie?

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Der Sommer bringt Menschen dazu sich einfach für eine Zeit auf die Erde zu legen, still zu werden, sich zu spüren. Die Sonne auf der Haut, vom leisen Lüftchen umweht, – das tut schon gut! Eine Sonnenmeditation, bei der es möglich ist loszulassen vom Alltag und ein bisschen näher an die wahren inneren Bedürfnisse heran zu kommen. Ich finde das wunderbar! Und genieße es selbst.

Ich denke, so wie alles sein Gegenteil braucht, ist es wichtig sich um andere zu kümmern und um sich selbst, aktiv zu sein und dazwischen immer wieder ruhig, sich mit seinen eigenen Themen auseinander zu setzen und mit dem großen Ganzen. Auf die Art und Weise, wie das für jeden einzelnen/jede einzelne eben möglich ist. Das eine befruchtet das andere, vom einen lernen wir für’s andere.

Einen grandiosen Sommer wünsche ich dir mit Zeit und Lust für alles, das eine und das andere!