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Reisetagebuch Eintrag 11

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Du, deine Überzeugung, deine Handlungen, dein Leben.

– Du hast ein Recht darauf und du hast es in der Hand, wie du jedes einzelne davon gestaltest.

Ich habe ein paar grimmige, schwermütige Tage hinter mir, in denen ich mich weit weg von innerem Frieden, von Zufriedenheit und einer Chance zu landen gefühlt habe. Es war, als würde ich überall abgewiesen werden, als würde mich keiner haben wollen, so wie ich da daher kam. Nein, nein, nein. – Wie die heilige Familie am Abend vor Weihnachten.

Während dieser ganzen Zeit konnte ich nicht sagen, was los war. Ich habe nur gewusst, dass ich verändert war, zermürbt, belastet. Ich habe mich krank gefühlt, so wie die Prinzessinnen in den Märchen, denen der Kummer um den verlorenen Prinzen – oder den falschen Ehemann – auf die Gesundheit schlägt. Ich habe gewusst, dass sonst nichts ist!

Meine Vermutung war, dass es mit dem Besuch bei meinen Eltern zu tun hat, mit dem Kontakt zu meinem Vater. Jetzt – heute – weiß ich, was es ist. Ganz klar habe ich auf einmal gesehen, woher die Last kam. – Angst!

***

Hast du jemals einem Kind zugeschaut, wie es auf einen Baum klettert, höher und höher? Du kannst nur zuschauen, und unten bleiben. Und vertrauen, dass es die richtigen Schritte setzt, sich an den richtigen Ästen festhält. Vertrauen! Und wenn es dann noch dein eigenes Kind ist! – Du kannst nur vertrauen.

Natürlich hast du Angst, spürst das ungute Ziehen irgendwo im Genitalbereich, im Wurzelchakra. Doch wirst du schreien? Wirst du dem Kind deine Angst, deine eigene Unsicherheit, deine Hilflosigkeit da hinauf schießen?

Ich habe nicht geschrien, ich habe vertraut, wenn mein Sohn seine Kletterlust ausgelebt hat. Ich habe die Freude und die Konzentration in seinem Gesicht erkannt und ihn von unten mit meiner Präsenz begleitet. Ich wusste: meine Angst gehört mir, dafür bin ich zuständig. Schieße ich sie ihm zu, wer weiß, vielleicht schieße ich ihn sogar herunter!

Er klettert sicher und wunderbar.

Das Gleiche gilt für das Leben!

***

Wir Eltern wünschen uns, dass es unseren Kindern gut geht, sie gesund und glücklich sind. Und manchmal haben wir Angst. Wenn wir sie nicht begleiten können, wenn sie sich auf neues Terrain wagen, wo wir selbst noch nie gewesen sind.

Dann können wir wieder nur vertrauen, und mit unserer eigenen Angst selber fertig werden! Denn sind es nicht unsere Kinder, stark und klug und absolut fähig? Sind es nicht ihre Entscheidungen, die sie treffen, auf der Basis dessen, was sie kennen und womit sie umzugehen gelernt haben? Ich verlasse mich, dass mein Kind weiß, was es sich zutrauen kann.

Und wenn es mich braucht, dann kann es jeder Zeit zu mir kommen! Dann bin ich da. Dann begleite ich es mit meiner Präsenz. Und ich werde mich hüten ihm etwas anderes spüren zu lassen als mein vollstes Vertrauen in seine Wahl, seine Entscheidungen, seine Kraft und Fähigkeit.

Das habe ich gelernt.

  • Wie schön es ist ein starkes, selbstsicheres Kind zu haben!
  • Wie traurig es ist, wenn Eltern nicht sehen, wozu ihr Kind imstande ist und mit ihrer Angst nach ihm werfen!

***

Ich klettere auf die unterschiedlichen Bäume meines Lebens, neugierig, gewandt, bewusst. Ich betrete Neuland, unbekanntes Terrain. Dort waren meine Eltern nicht, niemals. Wie könnten sie? So wie sie zuvor gehe ich über das hinaus, was die Elterngeneration kannte. Die Richtung ist vorgegeben, der Pfeil abgeschossen, – ich fliege!

Und dann kommt die Angst! Nicht meine Angst, die meines Vaters. So als wollte er den fliegenden Pfeil zurück pfeifen, – Moment, nein, NICHT! – wirft er seine Angst nach mir, schleudert sie mir um die Ohren.

Ich komme ins Trudeln, manchmal falle ich sogar herunter. Verdammt, nicht schon wieder! – möchte ich schreien.
Ich brauche eine Weile, bis ich mich wieder aufrapple. Die Richtung ist vorgegeben, – ich fliege wieder!

Das ist nicht meine Angst, dafür bin ich nicht zuständig. Das weiß ich jetzt. – Wie entlastend! Ich bin verantwortlich für meine eigene Angst, verantwortlich für mein Kind, wenn es Angst hat. Aber nicht für die Angst meines Vaters.

Der Baum, auf den ich klettere, mag ihm besonders gefährlich erscheinen, ihm besonders Angst machen. Ich hab mir diesen Baum gewählt. Für mich ist es der natürlichste Baum der Welt! Diese Angst hat mit mir nichts zu tun! Ich kann sie bei meinem Vater lassen, dankend ablehnen. Ablehnen!

Es geht mir wieder gut heute. Der Pfeil fliegt wieder!

Guten Flug auch dir!

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